911

Meine frau und ich lebten damals in New York City. Ich fuhr mit meinem fahrrad über die Brooklyn Bridge zur arbeit. Der eine der Twin Towers brannte im oberen teil. Ich dachte kurz daran, meiner schaulust nachzugehen und Downtown zu fahren, entschied mich aber dagegen und fuhr weiter.

In der office guckten wir fernsehen wie so viele. Schon bald fing dort das gerede über Bin Laden und vergeltung an. Doch das spiegelte nicht die stimmung in der stadt wieder, so wie wir sie wahrgenommen haben.

Fassungslosigkeit, verzweiflung und trauer kamen zusammen mit den notwendigkeiten des alltags. Unsere office war für einige tage von der regierung zwangsweise geschlossen, da sie südlich der 14th Street lag. Der öffentliche verkehr downtown war eingestellt worden und kam nur langsam wieder in gang. Es war sehr ruhig geworden in der stadt, vor allem da der private autoverkehr stark eingeschränkt wurde. Ein unangenehmer gestank kam noch monate später von den trümmern und wurde von winden weit getragen.

Viele menschen suchten nach angehörigen und freunden. Viele suchten die nähe von anderen und wollten nicht alleine sein. So kamen an verschiedenen orten downtown leute zusammen. Von hier kam der ruf ‚Our Grief Is Not a Cry for War‘ (unsere trauer ist kein ruf nach krieg).

Auch an den jahrestagen 911 wurde es in der stadt immer ruhig, die menschen erinnernd, trauernd und fragend. Das offizielle programm nutzte hingegen 911 für patriotische bekundungen und kriegspropaganda.

Nach dem 9/11/2001 wurden hunderte Muslime in gefangenenlager gesperrt. In den meisten fällen wurden weder ihre namen herausgegeben, noch anklagen erhoben. Im folgenden winter protestierten wir jeden Samstag vor den toren des Brooklyn Detention Center.

Eine neue alltägliche normalität wurde nach 911 etabliert. Periodische terrorwarnungen gingen einher mit immer neuen barrieren und kontrollen. Zeitweise wurden sogar an den eingängen zur subway taschen kontrolliert und schwer bewaffnete kräfte patrouillieren in der stadt und in subway stations. Wir mieden zahlreiche gebäude, einfach um den entwürdigenden prozeduren zu entgehen. Mit sicherheit hatte das alles nichts zu tun, sondern mehr mit einschüchterung und unterwerfung.

Es gibt viele unbeantwortete fragen 911 betreffend. Für manche sind es sehr wichtige fragen. Ich finde die offizielle geschichte über 911 zwar sehr zweifelhaft und unbewiesen, aber letztlich nicht sonderlich wichtig. 911 markiert die eskalation von krieg, repression und verfolgung im namen eines ‚Krieges gegen Terrorismus‘, welcher in vielerlei hinsicht vor allem ein ‚Krieg gegen Islam‘ ist.

Die USA entstand auf der basis der vertreibung und vernichtung der dortigen indigenen völker. Die entführung und versklavung von millionen von Afrikanern finanzierte nicht nur die industrialisierung in England, sondern war die basis für die profitable kolonisierung des angeeigneten territoriums.

Niemals haben die USA aufgehört, eine verbrecherische expansionistische koloniale macht und gesellschaft zu sein. Zahlreiche aggressionen und millionen von toten haben die USA zu verantworten. Massive zerstörung und vernichtung von leben sind gepaart mit selbstgerechter scheinheiligkeit, leugnung und lügen.

911 symbolisiert die idee und möglichkeit, das auch die USA zum ziel von angriffen werden können. Die position des scheinbar unbeteiligten zivilisten wurde unhaltbar. Die politik der USA ist verantwortlich für 911, und die gesellschaft ist letztlich verantwortlich für ihre kollaboration, komplizität und unterwürfigkeit.

Unsere gesellschaften können ohne krieg und vernichtung nicht existieren. Es kann daher keinen frieden geben mit den DTS (Democratic Totalitarian Societies – USA, EU, Japan, Kanada, Australien, Neuseeland, Israel). Die eskalation des krieges und der massenvernichtung ist eine notwendige folge unserer weigerung, begangenes unrecht anzuerkennen und unsere priviligierten positionen aufzugeben.

Entweder für oder gegen die DTS!

Siehe auch:
Some People Push Back: On the Justice of Roosting Chickens by Ward Churchill
Ward Churchill Statement

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