Anti-Imperialistische Widersprüche

Vorab möchte ich klarstellen, daß ich mich als teil der kolonisierergesellschaften mit allen damit verbundenen privilegien verstehe und das davon meine perspektive bestimmt ist. Ich bin kolonisierer im gegensatz zu den kolonisierten.

Sich mit ‚freiheits’bewegungen weltweit zu solidarisieren hat eine lange tradition in der anti-imperialistischen ideologie und gehört zum kern des selbstverständnisses der internationalistischen ‚Linken‘.

Zu den zeiten des ‚Kalten Krieges‘ ließen sich die widersprüche dieser position noch in der polarisierung der kapitalistischen und sozialistischen blöcke weitgehend neutralisieren. Seit dem ende des ‚Kalten Krieges‘ und mit der ‚Globalisierung‘, die ich als entwicklung zur Globalen Totalitären Ordnung (GTO) sehe, treten diese widersprüche nun immer deutlicher hervor.

Idealisierung von Krieg

Der mythos vom gerechten krieg wurde mit dem ‚2. Weltkrieg‘ wiederbelebt und gerade wir Deutschen in die absurde position getrieben, unsere besatzer als befreier zu verstehen. Da wurde der krieg idealisiert als konflikt zwischen ‚gut‘ und ‚böse‘, demokratisch/sozialistisch auf der einen, faschistisch auf der anderen seite.

Die antikolonialen befreiungskämpfe hatten ebenfalls die wirkung, krieg zu idealisieren und dessen auswirkungen auf die betroffenen bevölkerungen politischem kalkül und ideologischer orientierung unterzuordnen.

Jahrzehnte antikolonialer bewußtseinsbildung und organisierung hatten die voraussetzungen geschaffen, die koloniale herrschaft auch mit waffen herauszufordern und zu besiegen. Erwähnt seien hier nur Algerien, Kuba und Vietnam, und später Zimbabwe, Namibia und andere. Doch die unabhängigkeit und befreiung vom kolonialen joch blieb nur ein wunschdenken. Statt dessen wurde die nominelle souveränität der ‚Länder des Südens‘ zur faktischen farce und die abhängigkeiten größer denn je.

Destruktive Lebensweise

Unsere lebensweise ist nur möglich auf der basis kolonialer beziehungen zur erde und zum leben allgemein. Sie wird mit gewalt und vernichtung aufrechterhalten. Abgesichert und letztendlich durchgesetzt wird die ordnung militärisch durch die NATO unter führung des Pentagon. Ohne militärische erzwingung würden weder die regeln der entstehenden globalen ordnung allgemein beachtet, noch die wechselkurse, terms-of-trade, oder das kreditregime aufrecht zu erhalten sein.

Unsere primäre aufgabe und verantwortung ist daher klar: wir müssen unsere kolonisierergesellschaften entkolonisieren. Niemand kann uns die veränderung unserer eigenen gesellschaft abnehmen.

Ideologische Absicherung der Globalen Totalitären Ordnung

Die entstehende Globale Totalitäre Ordnung (GTO) ist ideologisch untermauert vom glauben an ‚wissenschaft‘ und ‚fortschritt‘, und von den ‚rechten‘ und ‚idee-werten‘.

Menschenrechte

Die ‚universellen menschenrechte‘ sind eine ideologische proklamation, ohne auch nur ernsthaftes ziel zu sein. Selbst das grundlegende recht auf leben wird systematisch mißachtet und zynischerweise die berge von toten als überbevölkerung legitimiert. Zu viele menschen mit zu vielen kindern. Jeder mensch hat das ‚recht‘, um sein überleben zu kämpfen. Dieses ‚recht‘ kann nicht genommen werden, und nur deshalb existiert es. Viele sind jedoch dabei sehr benachteiligt und daher nicht erfolgreich, vor allem kleine kinder, schwangere frauen, kranke und die älteren.

‚Rechte‘ können im sinne von ‚Gesetze‘ oder ‚Gerechtigkeit‘ verstanden werden. Das sind völlig unterschiedliche perspektiven und diskussionen. ‚Gesetze‘ sind eine faktische sache mit entsprechender verfolgung von straftaten und einem gerichtswesen zur anklage und urteilssprechung. Das ‚recht‘ bringt konkrete ergebnisse. Ganz anders ist es im bereich ethischer und moralischer positionen, die in europäischer tradition meist in krassem widerspruch zu den wirklichkeiten stehen, welche wir beobachten.

Demokratie

Das beste beispiel für einen idee-wert ist ‚demokratie‘. Einerseits ist demokratie einfach eine politische ordnung, andererseits eine mehr oder weniger abstrakte idee, die als ‚gut‘ definiert ist. Die konkrete politische ordnung kann daher sachlich nicht ernsthaft in frage gestellt werden. Immer wieder bin ich verwundert darüber, wie menschen, die zeit ihres lebens immer unter demokratie gelebt haben, diese nicht praktisch betrachten. Da kommt immer wieder das gerede von der ‚echten‘ und ‚wahren‘ demokratie, welche vor allem eine idee im widerspruch zur praxis ist. Ist demokratie nicht einfach die stabilste politische ordnung zur absicherung der bestehenden herrschaft?

Kultur der Lüge

Für uns ist es normal, über alles und jedes zu urteilen, unsere werte und kategorisierungen, unsere denkschemen und hierarchisierungen zu verabsolutieren. Das ist eines der privilegien der kolonisierer. Das sind vor allem die globalen ‚Europäer‘, oft auch einfach die ‚Weißen‘ genannt. Die europäische ist eine kultur der lüge, gekennzeichnet durch die immer größer werdende kluft zwischen denken und tun. Wir reden uns ein, nicht die zu sein, die sich in unserem tun zeigen, sondern die, die wir uns denken.

Die widersprüche zwischen denken und tun sind so grundlegend und zeitlich beständig, daß der schluß nahe liegt, das ethisches gerede und moralisierendes gehabe der Europäer vor allem ein taktisches mittel zur aufrechterhaltung der sie priviligierenden ordnung ist. Der individualismus bietet uns bequeme fluchtwege aus unserer kollektiven wie persönlichen verantwortung. Wir können je nach bedarf sowohl als teil der gesellschaft ansprüche geltend machen und privilegien genießen, als auch als individuen verantwortung auf die gesellschaft abschieben.

Zerstörung und Massenvernichtung

Die geschichte unserer völker und nationen bringt seit jahrhunderten zerstörung und tod für alle, die mit uns in kontakt gekommen sind. Selbst scheinbar gut gemeinte absichten und ideen bedeuten wirklich meist etwas völlig anderes, als vorgeblich. Wo nehmen wir die ansicht her, nicht in der tradition unserer vorfahren zu leben, wo doch im kern alles immer noch so ist, wie schon allzu lange?

Ein land nach dem anderen wird überfallen und besetzt, in kriege getrieben oder finanziell und wirtschaftlich ruiniert, und in entsprechende abhängigkeiten zur kolonialen restrukturierung benutzt.

Nicht nur wird die massenvernichtung von menschen durch hunger, seuchen und kriege seit den 1960ern erneut systematisch gesteigert und verbreitet, sondern wird weiter eskaliert durch den wachsenden druck auf land und wasser.

Was immer wir ideologisch vertreten, muß sich an den auswirkungen unserer handlungen messen lassen. Wie sehr wir auch den individualismus hochhalten, so bleiben wir doch einfach völlig abhängige partikel unserer gesellschaften. Die weigerung der großen mehrheit unserer gesellschaften, unsere lebensweise als gescheitert anzuerkennen, ist leicht verständlich, denn wir wollen unsere besitzstände und privilegien nicht verlieren.

Den Käfig verlassen

Es geht nicht um ‚gut‘ und ‚böse‘, ’schuld‘ und ’strafe‘, auch nicht um ‚links‘ oder ‚rechts‘, ‚progressiv‘ oder ‚reaktionär‘, sondern um wege zur fundamentalen restrukturierung unserer eigenen gesellschaft und abkehr von unserer gegenwärtigen lebensweise, die auf gewalt, zerstörung und plünderei beruht, der verdinglichung alles lebendigen und der konsequenten mißachtung der erde.

Eine lebensweise ist viel mehr als die verteilung von wohlstand und macht. Es geht dabei sicherlich um den niedergang und verfall der multi und transnationalen produktions und kommunikationsnetzwerke, die beendigung des weltweiten zugriffs auf die ‚rohstoffe‘, und um die massive entwertung finanziellen wohlstands, aber eben auch um den ‚verlust‘ angestammter gewißheiten und vorstellungen.

Selbstbestimmung lernen

Selbstbestimmung und souveränität sind unteilbar und können nicht für andere erkämpft oder definiert werden, sondern nur von gemeinschaften von menschen für sich selbst.

Es ist klar, das angesichts der vielfalt und relativität der sichtweisen und betroffenheiten keine ideologie allgemeine gültigkeit beanspruchen kann. Das schließt nicht aus, daß es wahrheiten gibt und lügen. Aber es bedeutet, nicht zu wissen, was für die anderen gut und richtig ist und sich mit beurteilungen entsprechend zurückzuhalten.

Wir müssen uns selbst bestimmen lernen. Das ist ein sehr schwieriger weg, denn ohne die multi- und transnationalen produktions- und kommunikationsnetzwerke sind wir hilflos. Unser essen kommt vom supermarkt, wasser aus dem hahn und sogar strom kommt aus der steckdose. Mit unseren händen und körpern können und tun wir immer weniger.

‚Native Informers‘

Die ’native informers‘ werden benutzt, um eine ‚innensicht‘ zu präsentieren, um unsere jeweilige sicht zu unterstützen. Statt respektvollem interesse und ehrlichem mitgefühl geht es um hegemonie und herrschaft. Während die verbrechen unserer eigenen regierungen und komplizität unserer mitbürger ganz offen sichtlich unsere verantwortung sind, gehen uns die entwicklungen in anderen gesellschaften nur insoweit an, wie unserer gesellschaften dort intervenieren und manipulieren. Und es geht vor allem darum, diese interventionen zu beenden. Es sollte daher ohne große bedeutung für die bestimmung unserer eigenen position sein, welchen charakter diese oder jene bewegung, dieser oder jener aufstand hat.

Die menschen in Syrien wurden zu opfern der machenschaften der großmächte und ihrer handlanger. Abgesehen von den üblichen kriegsgewinnlern können die menschen nur verlieren. Der krieg ruiniert und zersetzt ihre gesellschaft. Jede parteinahme unsererseits für die eine oder andere seite in Syrien kann die situation dort nur verschlimmern helfen.

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