Picassos „Guernica“

Das Beispielhafte dieses Bildes ist nicht allein seine künstlerische Größe, es ist auch der Zeitpunkt, an dem es gemalt wurde und von dem aus es seine Wirkung antrat. Es ist gewissermaßen die bisherige Summe der Kunst im Widerstand, es ist die Summe der stilistischen Möglichkeiten, die das zwanzigste Jahrhundert bereithielt. Und es ist der Anfang jener großen Komposition in der Kunst des Widerstandes, die jetzt nicht mehr nur einen Zustand schildern, sondern jene Gefahr, in der sich die Welt und die Menschheit befinden. Die Kunst im Widerstand erhält von hier aus ihre Aufgabe und ihren Maßstab, die einzig darin bestehen, das Gesicht dieses Jahrhunderts zu spiegeln, oder, wie John Berger den Einfluß dieses Bildes beschreibt, „aus der Gegenwart ein geschichtliches Bild zu machen“.

Über die Bombardierung Guernicas

Der Bericht von Pater Onainidas ist bereits eine Wiedergabe des episodischen Inhalts von Picassos Bild, jedoch nicht allein die Tatsache des Bombardements gibt das Bild berichtend wieder, sondern das „Drama“. Aber auch dieses ist nicht an eine bestimmte Lokalität, an einen bestimmten Vorgang gebunden, sondern es ist das Sinnbild eines Zustandes der Welt, und dieser Zustand impliziert nicht nur die Leiden, die jener Bericht schildert, sondern eben auch den Widerstand, die Befreiung von diesem Leid. „Das Wandbild ist ein verwickletes Ideengewebe, nicht bloßer Aufschrei“ (Arnheim). Die Gewalt des Ereignisses ist bei Picasso gemäß dem Auftrag, den er erhielt, auf ganz Spanien, auf den Bürgerkrieg als totales Ereignis ausgedehnt. Die Klage, das Leid finden sich in den Gestalten der Frauen wieder, die Anklage in der gequälten Kreatur, der schreienden Taube, dem niedergemetzelten Pferd, der Widerstand, die Befreiung in der zersprungenen Statue des Krieges und dem Stier.

Es sind Elemente der Komposition, die die Einheit von Inhalt und From vollenden. Picasso hat selbst jede Spekulation über dieses Bild zurückgewiesen: „Aber dieser Stier ist ein Stier, und dieses Pferd ist ein Pferd … offenbar sind sie Symbole. Aber es ist nicht Sache des Malers, Symbole zu schaffen; sonst täte er besser, sie mit ebenso vielen Worten zu beschreiben, statt sie zu malen. Das Publikum, das das Bild betrachtet, mag in dem Pferd, in dem Stier Symbole sehen, die es andeutet, wie es sich versteht.

Picasso sagt in seinem Gemälde ‚Guernica‘:
„Das spanische Ringen ist der Kampf der Reaktion gegen das Volk, gegen die Freiheit. Mein ganzes Leben als Künstler war ein unaufhörliches Streiten gegen die Reaktion und den Tod der Kunst… Auf dem Wandgemälde, an dem ich arbeite und das ich ‚Guernica‘ nennen werde, und in allen meinen letzten Werken manifestiert sich mein Abscheu vor der militärischen Kaste, die Spanien in einen Ozean von Leid und Tod versenkt hat…“