Entkolonisierung der Kolonisierergesellschaften?

Unsere gesellschaft basiert auf kolonialen beziehungen. Wir verbreiteten zerstörung, armut und elend, um unseren wohlstand zu mehren. Es geht dabei nicht so sehr um ‚oben‘ und ‚unten‘, oder die tatsache wieder verbreiterter armut innerhalb unserer kolonisierergesellschaften, sondern um die ausplünderung der erde und unterjochung anderer völker zur aufrechterhaltung unserer lebensweise.

Ohne zugang zu weit entfernt liegenden ländern, den ‚bodenschätzen‘ und märkten, ohne die kontrolle über die relativen wechselkurse, transportwege und handelsregeln, würde die deutsche wirtschaft weitgehend zum stillstand kommen und eine dramatische entwertung unseres materiellen und finanziellen wohlstandes folgen.

Inwieweit ist unsere lebensweise kolonialistisch? Wie identifizieren wir kolonisierende technologien? Welche unserer denkschemen sind aus den kolonialen beziehungen zu erklären? Welche verbindungen bestehen zwischen ‚rassismus‘ und ‚kolonialismus‘? Inwieweit ist ein schizophrenes verhältnis zur wahrheit in unserer kultur ein result kolonialer reflexe und interessen? Was an der ‚Aufklärung‘ ist nicht koloniale ideologie? Ist die verdinglichung der körper auch eine form von kolonisierung? Wie bestimmen wir als kolonisierer unser verhältnis zu den kolonisierten? Wieso sollten wir uns entkolonisieren wollen? Welche voraussetzungen und ansätze zur entkolonisierung unserer gesellschaft sehen wir?

Das sind nur einige der fragen, die uns beschäftigen werden. Wir suchen nicht so sehr nach antworten, wie nach weiteren fragen und besserem verständnis. Nur eine entkolonisierende praxis kann letztlich antworten geben, denn wie sonst kann der ewige kreislauf zwischen ‚guten‘ absichten und ’schlechten‘ auswirkungen unserer handlungen unterbrochen werden?

Kontinuität kolonialer Beziehungen

Allgemein wird davon ausgegangen, dass die zeit der kolonien und der kolonisierung vorbei ist. Die kämpfe der kolonisierten für ihre befreiung vom kolonialen joch führten zur nominellen unabhängigkeit ihrer länder. Die kolonisierergesellschaften zeigten jedoch kein interesse an ihrer eigenen entkolonisierung, sondern suchten statt dessen ihre privilegien und dominanz so gut es geht zu sichern und unter neuem deckmantel zu reorganisieren.

Deutschland wird generell nicht als kolonialmacht verstanden, seit sich die siegermächte nach dem ‚1. Weltkrieg‘ die kolonialen besitzungen des Deutschen Reiches untereinander aufgeteilt hatten. Diese vorstellung, das nur staaten mit kolonialen besitzungen als kolonialmächte definiert werden, ignoriert jedoch, dass koloniale expansion und herrschaft meist über lokale kollaborateure und private unternehmen organisiert wurde und wird. Nur in den typischen siedler-kolonien wurde herrschaft dauerhaft als direkte europäische herrschaft konzipiert und praktiziert.

Die benennung von dingen und verhältnissen ist eine wichtiges element der machtausübung. So wurde die unabhängigkeit der kolonisierten länder auf politische selbstregierung reduziert und die wirtschaftlichen, finanziellen, technischen, gedanklichen, kulturellen und ästhetischen aspekte von unabhängigkeit und selbstbestimmung beiseite gedrängt. Noch während die antikolonialen kämpfe vielerorten weiter gingen, war schon die rede vom ‚Neo-Kolonialismus, die letzte Stufe des Imperialismus‘ (Kwame Nkrumah 1965). Aus heutiger sicht scheint jedoch klar, das der ’neo-kolonialismus‘ einfach eine weitere phase desselben ‚kolonialismus‘ ist, der schon seit einigen jahrhunderten die vorherrschende europäische beziehung ist. Auch der begriff ‚imperialismus‘ ist mit dem ende des Kalten Krieges aus der mode gekommen, während kritik am ’neo-liberalismus‘ und ‚kapitalismus‘ hoffähig wurden. Heute wird vorzugsweise von und über ‚globalisierung‘ geredet. Immer neue benennungen sollen von der kontinuität des immergleichen ablenken.